Vielversprechendes, Wichtiges & Ersehntes - September 2010
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Arjouni, JakobDer heilige Eddy'Der heilige Eddy' handelt vom mysteriösen Verschwinden eines Berliner Großunternehmers und High-Society-Stars, von Klatschjournalisten, einer Stadt außer Rand und Band, einem Volkshelden wider Willen - und vom wunderbarsten Duft der Welt.
Unsere Meinung:"Das Allerschlimmste ist der Berliner, nicht der mit der Marmelade drin, sondern der mit der angeblichen Schnauze, die dich anbellt, was immer du auch fragst. Wuff, baff, zack, eens uffen Kopp."
(Elke Heidenreich) Berlin ist ein hartes Pflaster. Und das nicht nur wegen seinem "geschichtsträchtigen Boden". Deshalb sind seine Menschen auch von einem anderen Schlag, wobei sich die Zugezogenen und Dahergekommenen oft bald gar nicht mehr so sehr vom "Urgestein" unterscheiden. Für Außenstehende wie Touristen wirkt das natürlich oft seltsam oder befremdlich. Berlin sprengt aber nun schon von jeher Mauern und Grenzen. Deshalb gilt es zwar auch für den Berliner in seiner Unbeirrbarkeit als überaus unfreundlich und unhöflich, Fremden über den Mund zu fahren, aber oft ist es auch schlicht trockene Notwendigkeit, sich für satte Zufriedenheit und Devotheit ein anderes Reaktionsmuster bereitzuhalten. Selbst wenn Nicht-Berlinern das nicht passt. So ist die sogenannte "Berliner Schnauze" ein permanenter Aufstand und Freiheitsdrang. Und das natürlich in aller "directness" vor kaltschnäuziger Beliebigkeit oder "correctness". Die neue Hauptstadt Berlin hat dem angesehenen Trickbetrüger Eddy lange Zeit paradiesische Zustände beschert. Geschäft und Betrug liefen gut und im Allgemeinen verbrecherischen Treiben fiel der kleine geschickte Gauner auch gar nicht weiter auf. – Außer vielleicht seinen Gaunerkollegen und ein paar westdeutschen Geschäftsleuten, die ihm gnadenlos auf den Leim gingen und dabei selbst im Nachhinein kaum noch wussten wie ihnen geschah. Eddy ist also bis dahin ein glücklicher Trickbetrüger und lebt ein zufriedenes Doppelleben mit guten Freunden und Bekannten im geradezu beschaulichen linksalternativen Kreuzberg 61. Allerdings wissen nur seine besten Freunde um die grundverschiedenen Seiten seiner Existenz. Dann steht eines Tages die knallharte Realität in Eddys Hinterhof und Treppenhaus: "Eddy verlangsamte den Schritt kaum merklich, als er aus der Einfahrt in den Hof trat und die zwei Männer erblickte, die links und rechts vom Eingang zum Hinterhaus an der Mauer lehnten. Bullige, kahlrasierte Fitnessstudio-Pakete in dunklen, glänzenden Sportanzügen. Beide trugen verspiegelte Sonnenbrillen, Uhren, mit denen man mittelgroße Tiere erschlagen konnte, und einen Mann-ist-das-öd-hier-wenn-mir-doch-einer-auf-den-Sack-ginge-dann-könnte-ich-ihm-wenigstens-die-Fresse-polieren-Ausdruck im harten glattrasierten Gesicht. Zivilpolizisten, dachte Eddy, oder Geldeintreiber. Jedenfalls aller Wahrscheinlichkeit nach weder neue Wartenburgstraßen-Mieter noch Klempner oder Fahrradboten." (Jakob Arjouni: Der heilige Eddy, S. 39) Die Gorillas gehören zu dem Imbissbuden-Milliardär und Heuschreckenkapitalist Horst König. Eddy begegnet ihm selbst dann erst im Treppenhaus, was er auch immer dort zu suchen hat und welcher Wind ihn auch hierher getragen haben mag. Und als sich König ihm dann auf halber Treppe in den Weg stellt, kommt es in einer tragikomischen Verkettung zu Umständen, die König hoppla hopp und so schnell einmal ins Jenseits befördern. Nun hätte Eddy mit einem solch überraschenden Schlamassel niemals gerechnet. Weil er aber blitzschnell realisiert, dass seine ganze Existenz auf dem Spiel steht, mobilisiert er seine Freunde, um Königs Leiche so schnell wie möglich spurlos verschwinden zu lassen – und das dann auch möglichst vorbei an den besagten Gorillas. Nun ist Eddy im Grunde ja kein abgrundtief schlechter oder böser Mensch. Als alter Hase könnte er umgekehrt fast als Schutzheiliger der Berliner Trickbetrüger und Gentlemangauner durchgehen. Seine Betrügereien haben Witz und Charme und schnödes "Abzocken" ist seine Sache nicht. Damit und mit seinen Skrupeln ist Eddy allerdings auch ein aussterbendes Exemplar in der ganz und gar nicht mehr ehrenwerten Verbrechergesellschaft. So plagt ihn eben, was König und seine hinterbliebene Familie betrifft, ein ziemlich schlechtes Gewissen. Als er dann mitbekommt, dass der so plötzlich verblichene König in Eddys Mietshaus nur seine widerspenstige und ausgebüchste Tochter besuchen wollte, die sich in die Berliner Anonymität geflüchtet hatte, nagt es noch mehr an Eddys Gewissen. Und als er kurze Zeit später Königs bildhübsche und kluge Töchterlein Romy, die bisher unbekannte Nachbarin, dann auch noch selbst kennen lernen darf, da ist es endgültig um ihn geschehen ... Jakob Arjounis Krimikomödie "Der heilige Eddy" kokettiert mit einem gewissen Lubitsch-Touch. Wie in einer Screwball-Komödie eilt hier die Handlung durch unmögliche Situationen, die absurdesten Momente von Situationskomik und genauso frecher wie schräger Gesellschaftssatire. Und wie bei einigen Lubitsch-Filmen stellt sich hier zwischen dem eher ärmlichen Bohémien Eddy und der reichen Angebeteten Romy eine anarchische Liebe und Solidarität ein, die jedem ramontischen Kitsch ein Schnippchen schlägt. Deshalb unser Fazit: In zehn Jahren muss man dieses kleine Buch sicher nicht mehr gelesen haben. Aber jetzt, wo sich in Berlin langsam entscheidet, ob es den trostlosen Weg aller westlichen "Metropolen" geht oder sich umgekehrt seine anarchische Seele bewahren kann und dem bürokratisierten Mammon und der institutionalisierten Armut eine Absage erteilt, da ist dieser Roman allemal der Lektüre wert! Man muss dabei in diesen "Heiligen Eddy" bestimmt nichts weiter hineinlesen, selbst wenn das Buch auf eine recht seltsame Weise eine romantische Bestandsaufnahme der Stadt gibt. Denn letzten Endes ist der Roman nämlich schlicht eine wunderbar witzige und liebenswürdige Krimi-Humoreske, - und dabei so richtig gute, leichtfüßige Frühjahrslektüre! [ hs/02.06.2009 ] Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe vom Februar 2009
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