Vielversprechendes, Wichtiges & Ersehntes - Februar 2012

Titel: Hunkeler und die Augen des Ödipus

Schneider, Hansjörg

Hunkeler und die Augen des Ödipus

Wo steckt der Theaterdirektor Bernhard Vetter? Sein Hausboot ist herrenlos beim Stauwehr von Märkt aufgefunden worden, von ihm selbst fehlt jede Spur. Und das wenige Tage, nachdem eine Inszenierung von ›König Ödipus‹ in Basel die Gemüter erhitzt hat – so sehr, dass eine Dame aus der feinen Gesellschaft dem Regisseur des Stücks mit ihrem Granatring zwei Zähne ausgeschlagen hat. Die Presse überschlägt sich mit Spekulationen: Liegt der Intendant auf dem Grund des Rheins? War es die Rache des Bürgertums an einem kompromisslosen Theatermann? Peter Hunkeler, Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, steht sechs Wochen vor der Pensionierung.
Aber ist er bereit, von der Bühne abzutreten? Mit gemischten Gefühlen taucht er ein ins Theatermilieu, zu dem er als junger Mann selbst gehört hat. Er begegnet alten Bekannten wieder, die alle mit dem Theaterdirektor eine Rechnung offen haben. Und gerät in die schillernde Halbwelt des Basler Rheinhafens, in das Niemandsland zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich, wo ganz andere Mächte Regie führen.

Kommissär Hunkeler-Reihe Bd.8.

Autor: Schneider, Hansjörg
Titel: Hunkeler und die Augen des Ödipus
Jahr: 2012-02
Seiten: 240 | Taschenbuch
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24005-4
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Suche nichts zu verbergen, denn die Zeit, die alles sieht und hört, deckt es doch auf."
(Sophokles, Fragmente, 280)

"Peter Hunkeler, Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, früherer Familienvater, jetzt geschieden, erwachte, da er einen Hahn krähen hörte. Er fragte sich, was da los war, wo er sich befand. War er im Haus seiner Kindheit, das neben einem Bauernhof stand, auf dem er sich jede freie Minute herumtrieb? Im Kuh- oder Rossstall, auf dem Tenn, in der riesigen Küche, in der eine alte Frau Kartoffeln schälte? Davon hatte er bloß geträumt, sehr undeutlich, wie ihm schien. Er konnte sich an kein konkretes Traumbild erinnern."
(Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus, S. 8)

`NEIN, bitte nicht schon wieder ein melancholischer, altersschwacher und zudem demenzkranker Kommissar vor dem Ende seiner Karriere´, - das musste ich mir in Erinnerung an die kürzliche Lektüre von Mankells "Der Feind im Schatten" bei dieser frühen Textpassage unwillkürlich denken.
Aber trotz bemerkenswert wiederholter Schlafmomente Hunkelers in "Die Augen des Ödipus" (vgl. so S. 167 u. 182) tut uns bei allen Erschöpfungsmomenten des Kommissärs sein Erschöpfer Hansjörg Schneider genau solches nicht an. Gut, Hunkeler wird alt und steuert inzwischen auf sein Dasein als angehender Pensionär zu. Aber er ist immer noch umtriebig und beobachtet auf seinen wilden Streifzügen durch Basel und das Dreiländereck Schweiz / Frankreich / Deutschland Menschen und Umwelt sehr genau.
So verfolgt er auch trotz seines langsamen Ausscheidens aus dem Polizeidienst immer noch weiter, wie seine Kollegen an einem sehr hintergründigen, verwickelten Fall ermitteln: Das Hausboot des Basler Theaterdirektors Bernhard Vetter wird eines Morgens verlassen und weit abgetrieben vom eigentlichen Liegeplatz am Rheinufer vorgefunden. Von Vetter fehlt jede Spur, und er bleibt auch im Weiteren zunächst verschwunden. Am Vorabend seines Verschwindens jedoch soll noch eine ausschweifende Party auf dem Hausboot stattgefunden haben ...

Unterdessen überschlägt sich die grenzübergreifende Boulevardpresse in wilden Spekulationen. Selbst Hunkelers wenig geschätzter Ex-Kollege Mädörin versteigt sich aus vagen Vermutungen heraus in haarsträubende Theorien bis hin zu einer terroristischen Verschwörung. Der pensionierte Hunkeler hingegen, dem das Theatermilieu der Stadt nicht fremd ist, da er in seinen jungen Tagen als Bühnenarbeiter gejobbt und als Regieassistent am Theater gearbeitet hatte, schaut und hört genau hin. Schnell findet er nicht nur heraus, dass Vetter mindestens genauso viele Feinde wie Freunde hatte, sondern dass sich dieser überdies in recht fragwürdigen und dabei mithin gefährlichen Milieus und Lokalitäten bewegte.

"Hunkeler spürte eine Spannung aus dem Lokal strömen, die seinen ganzen Körper ergriff. Er kannte das, er wusste, dass ihn die Burschen als Polizisten identifiziert hatten. Er wusste auch, dass sich diese Spannung bis um Mitternacht aufbauen würde, langsam und zäh. Bis sie sich eines Nachts entlud mit Faustschlägen ins Gesicht und Messerstichen."
(Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus, S. 24)

Schnell findet Hunkeler heraus, dass sich Vetter Wochen vor seinem Verschwinden hoffnungslos in die junge und atemberaubend schöne Prostituierte und Samba-Tänzerin Simone Breda verliebt hatte. Was offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Und dies deutet überdies auf eine veritable romantische Liebesgeschichte oder -tragödie hin, denn auch Simone Breda zeigt sich schon bald als nicht mehr auffindbar.

Hunkeler wühlt weiter im Beziehungsgestrüpp der Theaterwelt und der Menschen im derben Milieu des Baseler Rheinhafens. Hier wie dort schlägt ihm Misstrauen entgegen. Was will dieser überaus neugierige pensionierte Polizist, der vom Herumschnüffeln offenbar nicht ablassen kann?

"... Sie sind von der Polizei, nicht wahr?"
"Woran merkt man das?"
"Ich bin hier am Bach [am Baseler Rheinhafen; d. Red.] aufgewachsen", sagte sie. "Da entwickelt man einen Blick für alle Arten von Polizisten."
"Wie viele Arten gibt es?"
Sie lachte.
"Es gibt die bösen, die hinterlistigen. Die Zögerer, die unbeholfen wirken. Die anständigen, jovialen. Gefährlich sind sie alle."
"Ich bin in Rente. Vor mir müssen Sie sich nicht fürchten."
"Ach so? Und jetzt ist Ihnen langweilig?"
"Hier im Hafen nicht. Hier gibt es wunderschöne Dinge zu sehen."
(Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus, S. 121)

Hansjörg Schneider erweist sich in diesem Roman durch die Augen Hunkelers wiederholt als genauer Beobachter. Ob dass nun die öffentliche Kultur einer Provinzmetropole Basel betrifft ...

"Er war schon lange nicht mehr hier gewesen. Weil er sich fehl am Platz vorkam inmitten des jungen Gemüses. Damals hatte hier ein gemischtes Publikum gesessen ...
Jetzt herrschte eine Monokultur. Niemand war über 25. Die schienen alle denselben Gedanken nachzuhängen. Aber so war das im heutigen Basel. Die Gesellschaft war unterteilt in verschiedene Gruppen. Jede Gruppe blieb für sich und schottete sich ab."
(Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus, S. 42)

... oder bestimmte intellektuelle Milieus wie bei den Theaterleuten:

"Er sah das Buch über Adorno auf dem Boden liegen und hob es auf. Er las von der Kritischen Theorie, die allein in der Lage sei, die Welt zu retten. Diese Kritische Theorie war die Theorie Adornos. Hunkeler hielt nichts von Leuten, die mit einer Theorie die Welt retten wollten."
(Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus, S. 182)

Mindestens genauso wichtig wie die teilweise nadelspitzscharfen Dialoge oder Hunkelers innere Monologe sind an diesem Roman die poetischen und beinahe selbstvergessenen Beschreibungen von Menschen und Landschaften. Das ist erzählerisch zweifellos stark und eindrucksvoll, selbst wenn Hunkelers Wanderungen und Kneipentouren auf Dauer etwas wiederholend wirken. Erheblicher ist allerdings, dass sich Schneider meiner Ansicht nach ein wenig in der Verquickung des tragischen Ödipus-Motiv mit den dramatischen Momenten seines Kriminalromans "verhebt". So wirkt ein wenig befremdlich, dass obwohl Hunkeler relativ früh ahnt, wer der Urheber dieser Baseler Tragödie sein könnte (vgl. S. 157 ff. u. 197 f.), er dennoch weiter auf eigene Faust ermittelt und seine alten Kollegen bis auf konspirative nächtliche Telefongespräche mit seinem früheren Mitarbeiter Lüdi (S. 90 f. u. 212 ff.) und die Begegnung mit Ex-Assistent Haller (S. 142 ff.) nicht auf diese heiße Spur ansetzt. Danach merkt man Hunkeler über seine Langsamkeit respektive Begriffsstutzigkeit keinen moralischen Konflikt an, wo er doch aus eigener Anschauung wusste, wie unberechenbar und gefährlich der Täter war.
Diese Momente, die einem ohnehin erst so richtig im Nachhinein aufgehen, zerstören aber keineswegs den schlüssigen und plausiblen Gesamtcharakter dieses Kriminalromans. Schneider hat hier vieles ineinander "verwirkt". Und das ist im nach wie vor gelungen.

Fazit: Hansjörg Schneiders Hunkeler-Reihe gewinnt qualitativ langsam tatsächlich Simenon’sche Ausmaße. (Auch sein italienischer Kollege Andrea Camilleri aus Sizilien lässt dabei übrigens grüßen.) Nun ist der Autor mit seinen 72 Jahren inzwischen ein alter Mann – was nicht despektierlich gemeint ist -, und man kann nur hoffen, dass er uns bis ins höchst hohe Alter noch ein paar mehr Geschichten zu Hunkeler mitzuteilen hat ...

P.S. aus gegebenem Anlass: Hansjörg Schneider hat mit seinen Hunkeler-Krimis die Verlagsheimat gewechselt. Erschienen seine ersten sieben Kriminalromane um den Baseler Kommissär allesamt bei Bastei Lübbe, so kommt "Hunkeler und die Augen des Ödipus" jetzt im Zürcher Diogenes Verlag heraus. Gefühlt sicher kein falscher, sondern auch vor dem Schweizer Hintergrund ein recht geeigneter neuer Verlagsort.

[ hs/21.08.2010 ]
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Titel: Berlin Werwolf

Stenzenberger, Rainer

Berlin Werwolf

Gero von Sarnau sammelt mehr Laster als andere Menschen Facebook-Kontakte. Zocken, schnelle Autos, der ständige Ritt auf der Klinge das alles kostet eine Menge Geld. Aber ein Kerl, dem bei Vollmond Haare auf dem Handrücken wachsen und der anschließend auf blutige Jagd geht, ist für einen Nine-to-Five-Job nicht geeignet. Also plant Gero gemeinsam mit drei Freunden einen Überfall auf den berüchtigten Kreuzberger Wettpaten Yildiray. Dumm nur, dass ihn ausgerechnet mit dessen schöner Tochter eine heimliche Liaison verbindet.

Autor: Stenzenberger, Rainer
Titel: Berlin Werwolf
Jahr: 2012-02
Seiten: 255 | Taschenbuch
Verlag: Berlin Edition im bebra Verlag
ISBN: 978-3-8148-0195-7
Preis: 14.95 EUR

Status: Angekündigt
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Titel: Niceville

Stroud, Carsten

Niceville

Originaltitel: Niceville
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Niceville. Eine Kleinstadt im Süden der USA, idyllisch, altmodisch und noch immer fest in den Händen der Gründerfamilien. Hier lässt es sich leben. Aber irgendetwas läuft schief in Niceville. An einem Sommertag verschwindet der kleine Rainey Teague. Zehn Tage später wird er gefunden – in einer alten Gruft. Er liegt im Koma. Nick Kavanaugh, der Ermittler, steht vor einem Rätsel. Niceville findet keine Ruhe mehr.

Merle Zane und Charlie Danziger überfallen eine Bank und machen sich mit zweieinhalb Millionen Dollar aus dem Staub. Nach einer Meinungsverschiedenheit knallen sie sich gegenseitig ab. Beide überleben schwer verletzt. Niceville wird zu einem Ort ohne Gnade. Während eines infernalischen Wochenendes überschlagen sich die Ereignisse. Liegt ein Fluch über Niceville? Geht er aus von einem mit schwarzem Wasser gefüllten Loch auf dem Felsen über der Stadt? Man sagt, etwas lebt darin. Doch was?

Autor: Stroud, Carsten
Titel: Niceville
Jahr: 2012-02
Seiten: 510 | Hardcover
Verlag: DuMont
ISBN: 978-3-8321-9646-2
Preis: 19.99 EUR

Status: Lieferbar

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