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Verlag: KiWi - In der Misosuppe

In der Misosuppe - Murakami, Ryu - KiWi

Murakami, Ryu In der Misosuppe

Original: erschienen 1997
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Kenji führt Touristen durch Tokios Rotlichtviertel. Frank ist Amerikaner und Kenjis Kunde. Er ist fasziniert von der Atmosphäre der Stadt und vom erhabenen Klang japanischer Worte - und er ist fasziniert von Gewalt. Die letzten drei Tage des Jahres. Wie immer drängeln sich in Kabuki-cho, Tokios bekanntem Rotlichtbezirk, sexhungrige Freier durch die vom flackernden Neonlicht erfüllten Häuserschluchten. Minderjährige Mädchen verabreden sich zum Sex mit väterlichen Freunden. Auf der Straße werben Anreißer für Peepshows, Dessous-Bars und Massagesalons.
Eine Welt mit einem eigenen Code. Jene, die ihn nicht verstehen, wenden sich an Kenji. Kenji ist zwanzig und Nightlife-Guide. Er übersetzt die Wünsche seiner Kunden und teilt ihnen die Konditionen der Anbieter mit. Die Leereund Einsamkeit der Menschen nimmt er ungerührt wahr und bleibt stets auf Distanz. Er weiß zwar, was ihm nicht behagt, doch er richtet nicht und greift nicht ein. Dann trifft er Frank, und zum ersten Mal weicht seine gewohnte Coolness einem nervösen Unbehagen. Eine Reihe scheinbar zusammenhangloser Kleinigkeiten formt sich in Kenjis Kopf zu einem Verdacht. Der Leser folgt Kenji durch die Straßen Tokios tief in die menschliche Psyche hinein.

Autor: Murakami, Ryu
Titel: In der Misosuppe
Jahr: 2007-01
Seiten: 206 |
Verlag: KiWi
ISBN: 978-3-462-03733-3
Preis: 8.95 EUR

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Unsere Meinung:

Ryu Murakami erzählt in seinem Roman "In der Misosuppe" von einem wahren Horror-Trip durch die nächtlichen Welten Tokios. Es ist die Geschichte des zwanzigjährigen Kenji, der sein Geld damit verdient, als "night guide" Touristen durch die Rotlichtviertel der Stadt zu führen. Dieser Job lässt ihn lange Zeit mehr oder weniger kalt, bis er eines Tages von dem Amerikaner namens Frank angesprochen wird.
Dieser ist ihm von Anfang an unheimlich, dennoch lässt er sich darauf ein, Frank in drei aufeinanderfolgenden Nächten durch die einschlägige Sex-Szene zu führen. Hat er anfangs nur den Verdacht, es mit einem gefährlichen Perversen zu tun zu haben, so entfalten sich vor seinen Augen bald nicht nur böse Vorahnungen, sondern ein wahrhaft düsterer Alptraum, als er auf die schrecklichen Geheimnisse des ganz offensichtlich psychopathischen Fremden stößt ...

Soweit zur Handlung. Der tiefere Sinn des Buches erschließt sich allerdings nicht ganz so einfach: Ist das "American Psycho" auf Japan-Urlaub? - Oder ist "In der Misosuppe" tatsächlich eine ätzende Kritik an der `Dekadenz und dem Nihilismus des modernen Japan´, wie es der Klappentext behauptet? Vielleicht mag uns das Buch in gedanklicher Anlehnung an neuere Filmgeschichten der Entfremdung auch ein furioses "Lost in Violation" bieten?

Auf den ersten Blick wirkt der Roman einerseits zwar nur obszön und abstoßend, andererseits wirft er aber auch tatsächlich grelle Schlaglichter auf die perversen Phantasien und Verhaltensweisen der modernen Konsumwelt. Das bleibt unterdessen nicht der einzige zwiespältige Eindruck bei diesem Buch. Denn so sehr und beinahe lustvoll Murakami durch die vielen Klischees des Splatter-Romans stapft, so ambitioniert wirkt streckenweise sein Versuch, der vermeintlichen Tatsache der Gleichgültigkeit und hoffnungslosen Verdorbenheit der japanischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Murakami wollte offensichtlich, dass seine Erzählung `unter die Haut´ geht, doch fällt ihm dazu lange Zeit kaum mehr ein, als seine Geschichte mit Schockmomenten hochzustilisieren und in einem grausamen Blutbad gipfeln zu lassen. Seine metaphorische Erzählweise und seine düster aufgeladene Symbolik hinterließen bei mir bis auf ein, zwei Passagen zumindest keinen nachhaltigen Eindruck.

So darf man sich wohl auch von den erwähnten gesellschaftskritischen Momenten "In der Misosuppe" nicht zu viel erwarten. Sie treten zwar stellenweise durchaus prägnant und eindrucksvoll zutage, beschränken sich jedoch nur auf wenige weitergehende Erzählansätze (vgl. z. B. die Allegorie der "Katzengeschichte" auf S. 190 f.), so dass man als Leser trotz der Versuche des Autors, in der Psychologie von Sex und Gewalt tiefer zu schürfen, doch kaum jemals wirklich auf einen tieferen Grund stößt. So ist der Roman letztlich auch mehr den Vorstellungswelten des Splatter und der Bildsprache des Horrorfilms verpflichtet als dem geistigen Angriff auf ein allumfassendes moralisches Problem. Dennoch entpuppt sich der Serienmörder Frank, während der ganzen Geschichte über die Verkörperung des bedrohlichen und des Bösen, späterhin beinahe als moralische Instanz, als rächender Dämon, der sich am Ende dann auch tatsächlich und buchstäblich in Luft auflöst.

Durch und durch düster ist der Charakter des Buches, durch und durch vage bleiben für mich allerdings seine wahren Absichten. Den Roman als Porträt und `Auseinandersetzung mit dem Nihilismus und der Dekadenz des heutigen Japan´ zu bezeichnen, das halte ich deshalb letztlich als viel zu hochtrabend. Dazu ist der Inhalt des Buches dann trotz oder wegen seiner einkalkulierten Schock- und Spannungsmomente zu trivial und eindimensional.

[ hs/30.09.2007 ]
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