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Nothomb, AmélieDie Reinheit des MördersPretextat Tach, dreiundachtzigjährig und Nobelpreisträger für Literatur, hat laut Aussage der Ärzte nur noch zwei Monate zu leben. Als dies bekannt wird, bemühen sich Medienleute aus der ganzen Welt um ein Interview. Fünf Journalisten dürfen bei ihm vorsprechen - und kommen selbst in arge Bedrängnis.
Verfügbarkeit: Portofrei 11.00 € Unsere Meinung:"Je mehr Sie hören, desto weniger begreifen Sie. Ich will Ihnen eines sagen, was Sie sicher noch nicht wissen, Sie mieses Weibstück: Niemand - verstehen Sie, niemand - kennt einen Menschen besser als sein Mörder."
(Der Schriftsteller P. Tach zur Journalistin N., in: Amélie Nothomb, Die Reinheit des Mörders, S. 133) Nervensägen, Stinkstiefel, Dummschwätzer, Korinthenkacker, Querulanten, Speichellecker, Schleimer, Klugscheißer, Quälgeister, Idioten, . . ., . . . und nicht zuletzt neurotische Mörder: Das sind die Figuren, wie wir sie immer buchstäblich archetypisch in der Romanwelt und den seltsamen Bestiarien der belgischen Autorin Amélie Nothomb kennenlernen dürfen. In "Die Reinheit des Mörders" ist es - um genauer zu werden - die Geschichte des 83jährigen Literaturnobelpreisträgers Prétextat Tach, der nur noch kurze Zeit zu leben hat und der Nachwelt nun sein Vermächtnis übermitteln will. Doch die Journalisten, die zu dem bärbeißigen alten Fettwanst und Stinkstiefel geschickt werden (da dieser zum ersten Mal bereit ist, mit einem Interview an die Öffentlichkeit zu treten) und sich bei ihm einschleimen wollen, versagen allesamt vor dem genauso scharfsinnigen wie böswilligen Literaten. Erst als nach mehreren erfolglosen männlichen Kollegen die junge Journalistin Nina antritt, um dem alten Mann nicht nur Sottisen zum Literaturbetrieb und zur Zeitgeschichte zu entlocken, sondern ihn bald sogar so weit bringt, seine Lebensbeichte abzulegen, enthüllt sich die genauso makabre wie tragische Geschichte des Prétextat Tach. Und als der Schriftsteller in langen Gesprächsstunden langsam merkt, dass er der Journalistin nicht nur seine düstersten Vorlieben und Geheimnisse verrät, sondern von dieser auch förmlich herausgefordert wird, spitzt sich die Lage in einem wahrhaft existenziellen Wortgefecht dramatisch zu . . . Amélie Nothomb erweist sich hier in diesem Roman als Meisterin des Dialogs, ätzender Ironie und bitterböser Pointen. Zunächst könnte man sich fragen, was dieses Buch wohl zu einem Kriminalroman macht, doch dann erfährt man wiederholt Nothombs etwas eigenwillige Interpretation des Genres in der ungewöhnlichen Form von scharfzüngigen Wortgefechten, die mit dem Auf und ab des "Interviews" zuerst ganz nebenbei dem hoffnungslos überkandidelten Begriff der "Hochliteratur" eins mitten in die Fresse haut, um dann gleichzeitig - fast beiläufig - die libidinösen Phantasien und Energien eines Mörders offen zu legen. Mit welcher Hintersinnigkeit und Anspielungsreichtum das Buch geschrieben und gemacht ist, zeigt sich z. B. auch daran, dass die Konstellation des Widerstreits zwischen der jungen Frau und dem alten erschöpften Künstler auch als bösartige Variation zu Balzacs bekannter Erzählung "Das unbekannte Meisterwerk" gesehen werden könnte, die mit Jacques Rivettes Verfilmung in "Die schöne Querulantin"/"La belle noiseuse" 1992 neuerlich Berühmtheit erlangte. (Frenhofer!) - Ja, ja, das Böse liegt so nah . . . Fazit: Das ist groß. Das bringt nicht nur für Freunde des schwarzen Humors wahres Vergnügen. Und das ist auch für Skeptiker unbedingt des Versuchs wert! - Der Rezensent denkt zurück und konstatiert: Eine Nothomb lohnt sich offenbar allemal! (Vgl. Rezension zu Nothombs "Der Professor".) [ hs/12.03.2007 ] |



